King Bolen ist so ein Diagnosegerät, das man klassisch bei Verbrennern erwartet: anstöpseln, Fehler auslesen, Fehler löschen, Service zurücksetzen. Am Elektroauto funktioniert das grundsätzlich genauso – mit einer entscheidenden Einschränkung: Daten zur Hochvoltbatterie gibt es darüber im Test nicht, der Batterietest zielt auf das 12-Volt-Bordnetz.
OBD2 am Taycan: Anschluss sitzt da, wo man ihn erwartet
Der praktische Teil beginnt banal, ist aber kaufentscheidend: Der OBD2-Port ist am Fahrzeug vorhanden und lässt sich finden (typisch im Bereich unten links bzw. nahe Mittelkonsole). Nach dem Einstecken kommuniziert das Gerät ohne Gezicke mit dem Auto.
Im Test erkennt das Gerät das Fahrzeug und zeigt identifizierende Daten wie Fahrgestellnummer, Baujahr und Fahrzeugtyp an. Die Oberfläche bietet mehrere Sprachen; die Übersetzungen wirken stellenweise etwas holprig, sind aber verständlich genug, um die Menüs sicher zu bedienen.
Tiefer Systemscan statt nur „Motorfehlercode“
Der entscheidende Unterschied zu einfachen OBD2-Dongles: King Bolen scannt nicht nur „irgendwelche Standardwerte“, sondern geht bei einem vollständigen Scan sichtbar in viele Steuergeräte hinein. Im Schnelltest werden im Test auch Bereiche erfasst, die man eher aus der Werkstattdiagnose kennt – zum Beispiel Rückfahrkamera und Spurhalteassistent. Das ist genau die Sorte Tiefe, die man braucht, wenn eine Warnlampe leuchtet, aber das Auto-Display nicht mehr verrät als „Störung“.
Zu den sinnvollen Werkstattfunktionen gehören im Test typische Service- und Anpassungsaufgaben: Fehler löschen, Service zurücksetzen sowie Funktionen rund um Wartung und Instandsetzung. Genannt werden unter anderem ABS-Entlüftung, Anpassungen im Bremsbereich (Bremsbeläge) und das Anlernen neuer Sensoren, etwa nach dem Kauf neuer Felgen. Das sind keine Spielereien, sondern handfeste Zeit- und Geldthemen, wenn man nach Arbeiten am Fahrzeug nicht wegen eines gespeicherten Eintrags zur Werkstatt fahren will.
Ohne Internet wird’s schnell alt: Updates gehören dazu
Im Alltag hängt die Nutzbarkeit stark an der Aktualität der Fahrzeugdaten. King Bolen arbeitet per WLAN und braucht die Internetverbindung, um markenspezifische Software nachzuladen und aktuell zu halten – im Test wird dazu explizit die Porsche-Software aktualisiert. Der praktische Effekt: Neue Fahrzeuge, neue Steuergeräte-Softwarestände und neue Servicefunktionen landen nicht automatisch im Gerät, sondern müssen aktiv aktualisiert werden. Ohne diese Update-Schiene kann ein Diagnosegerät bei modernen Autos schlicht an Aussagekraft verlieren.
Der große Irrtum: „Batteriecheck“ meint 12 Volt, nicht Hochvolt
Wer beim Elektroauto auf Kennzahlen zur Traktionsbatterie hofft, wird im Test eingefangen: Der Batterietest des Diagnosegeräts bezieht sich auf die Zusatzbatterie im 12-Volt-Bordnetz. Angezeigt werden Live-Spannungswerte, und ein Batterietest lässt sich starten; dabei blinkt das Gerät und baut die Kommunikation auf. Für die Hochvoltbatteriegesundheit („SoH“) ist das im Test keine Quelle.
Live-Daten und Fehlersuche: sinnvoll gerade beim Gebrauchten
Praktisch ist die Möglichkeit, Live-Daten während der Fahrt zu betrachten bzw. aufzuzeichnen, um Auffälligkeiten einzugrenzen. Das kann helfen, wenn Fehler nur sporadisch auftreten oder man prüfen will, ob Werte plausibel sind.
Für den Gebrauchtwagen-Check bei Elektroautos ergibt das im Test ein klares Bild: OBD2-Diagnose lohnt sich, weil man mehr sieht als das, was das Auto im Kombiinstrument preisgibt. Bei Neuwagen mit Garantie ist der Nutzen geringer – da geht es weniger um „retten, was zu retten ist“, sondern eher um Komfortfunktionen wie Service-Resets nach eigenen Arbeiten.
Günstiger Dongle vs. Profi-Handgerät: zwei Geräte, zwei Rollen
Im Test stehen zwei Klassen nebeneinander: Ein günstiger OBD2-Adapter mit Appzugang liegt bei rund 40 Euro und passt eher ins Handschuhfach. King Bolen ist als Handgerät mit eigenem Akku und großem Display die robustere, werkstattnähere Lösung; Geräte dieser Klasse starten laut Test bei rund 160 Euro und werden je nach Zugriffsrechten und Funktionsumfang teurer. Der konkrete Vorteil im Alltag: Bildschirm statt Smartphone-App, ein geschütztes, gummiertes Gehäuse und ein Arbeitsfluss, der für häufige Nutzung gemacht ist.
Warnhinweis aus der Praxis: Bei Tesla kann Dauer-OBD2 stören
Eine relevante Randnotiz für Käufer mit mehreren Fahrzeugen: Bei Tesla kann ein eingesteckter OBD2-Logger oder ein Diagnosegerät während der Fahrt Funktionen beeinträchtigen; konkret wird genannt, dass etwa der Autopilot ausfallen kann. Das ist kein generelles OBD2-Gesetz, aber ein guter Grund, Diagnosehardware nicht „einfach stecken zu lassen“, wenn das Auto darauf empfindlich reagiert.
Warum das Ganze Geld sparen kann
OBD2 ist nicht nur fürs Löschen von Fehlern da, sondern fürs Verstehen. Als Beispiel taugt ein Klassiker: Eine Airbag-Warnung kann durch einen Sitzkontaktfehler ausgelöst werden. Mit Diagnosezugriff lässt sich der Ursprung eingrenzen – im besten Fall steckt man einen Kontakt wieder sauber ein oder ersetzt gezielt einen Sensor, statt pauschal eine teure Werkstattrechnung zu bezahlen. Dazu passt auch die Erfahrung aus dem Testalltag: Trotz Durchsicht blieben gespeicherte Fehler vorhanden und wurden später zum Garantiefall. Wer selbst prüft, merkt so etwas sofort.






